Gemeinde Zwingenberg

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Faszinierende Wolfschlucht - Geologisches Erbe im Neckartal

Von Michael Hahl - Projektbüro proreg

Wolfsschlucht
Wolfsschlucht

Im südlichen Odenwald gibt es mehrere Klingen, wie die steilen, schluchtartigen Tälchen in der Region genannt werden. Doch längst nicht alle
dieser Täler haben naturräumlich, geologisch und ökologisch so viel zu bieten wie die zwei eindrucksvollsten und steilsten Klingen des Neckar-Odenwald-Kreises: die Margaretenschlucht bei Neckargerach (durch die seit 2007 der erdgeschichtliche Themenweg Margaretenschlucht-Pfad“ verläuft) und die Wolfschlucht bei Zwingenberg. Auch im gesamten Naturpark Neckartal-Odenwald und im UNESCO Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald nehmen die beiden Schluchten fraglos eine ganz besondere Stellung unter den geotouristischen Potenzialen ein.

Vermächtnis der Flussgeschichte

Als sich vor etwa 50 Millionen Jahren die Bruchschollen des Rheingrabens abzusenken begannen, nahmen Flusssysteme ihren Lauf auf, die dem neu entstehenden Gefälle am Gebirgsrand folgten und in die Ebene entwässerten.Vor 30 Millionen Jahren, als auch der nördliche Teil des Grabens stärker absank, dürfte sich ein „Ur-Neckar“ im Raum Heidelberg gebildet haben, dessen Quellgebiete in dem sich empor wölbenden Odenwald lagen. Da der Absenkungsprozess des Rheingrabens und die Odenwald-Heraushebung anhielten, musste sich der Ur-Neckar zunehmend in die Gesteinschichten des Mittelgebirges einsägen; genug Erosionskraft war durch das starke Gefälle zum Vorfluter Rhein vorhanden. Nach und nach konnte der zunächst kleine Fluss seinen Lauf verlängern, indem das Quellgebiet immer weiter zurückverlagert wurde: der Prozess der rückschreitenden Erosion.

Der Neckarlauf hatte also eine große Erosionskraft und konnte stark in die Tiefe erodieren, während manche seiner Nebengewässer, einige kleine Bäche, noch heute dabei sind, ihr Tal einzutiefen, teils über steile Wasserfallstufen hinweg: die Wolfschlucht und die Margaretenschlucht entstanden. Solche Klingen, wie tiefe Kerbtäler in Deutschlands Süden genannt werden, sind Zeitmarken der Flussgeschichte und gehören zum charakteristischen Formenschatz der Neckartal-Geologie.

Dynamisches Gleichgewicht

In der Wolfschlucht hat sich – und das Gleiche gilt für die Margaretenschlucht – ein dynamisches Gleichgewicht eingestellt: Einerseits brechen Bereiche des felsigen Steilhanges nach, Geröll und Verwitterungsschutt stürzt in die steile Talsohle, andererseits fließt das Wasser zumindest saisonal bzw. episodisch mit ausreichender Erosionskraft und kann dadurch die Talsohle der Schlucht ausräumen.

Wäre die Tiefenerosion hier über längere Zeiträume unterbrochen bzw. stark reduziert, beispielsweise wenn dauerhaft nur noch sehr wenig Wasser durch die Schlucht fließen würde, so könnten im Verlauf erdgeschichtlicher Zeiträume die Sohle allmählich mit Hangschutt aufgefüllt und die Hänge zunehmend abgeflacht werden; das Ergebnis wäre eine weniger schluchtartig ausgebildete Klinge mit sanfteren Talflanken, vergleichbar etwa mit der Eisigklinge im Höllbachtal bei Waldbrunn.

Fenster in die Buntsandstein-Zeit

Die Wolfsschlucht verläuft in den rund 250 Millionen Jahre alten Buntsandstein-Schichten, die hier durch Tiefenerosion aufgeschlossen und gut zu beobachten sind; man sieht vor allem die Schichten des Mittleren Buntsandstein, im Übergangsbereich zur Hochfläche auch den Oberen Buntsandstein. Aufgrund der aktiven hangdynamischen Prozesse bleiben die Schluchtwände relativ frei von Vegetation. Die hierdurch offenliegenden Buntsandstein-Aufschlüsse tragen sowohl zum wilden und spektakulären Charakter wie auch zur geologischen Attraktivität der Schlucht bei.
Facettenreiche Kleinformen wie Schrägschichtungen und Netzleisten im Sandstein bezeugen die Paläogeographie, zeigen also uralte Spuren einer längst "versteinerten" Flusslandschaft aus der Buntsandstein-Zeit.

Ökologische Nische

In dem etwa nach Südwest-West ausgerichteten Taleinschnitt der Wolfschlucht kann sich ein relativ mildes Klima einstellen. Wie im NSG Margaretenschlucht blieben auch hier die Kennzeichen typischer Hangschluchtwälder erhalten, ergänzt von Moosen, Farnen und Flechten. Neben der Flora findet hier die dem Lebensraum angepasste Tierwelt eine ökologische Nische, die sich wesentlich vom Naturraum im Neckartal, aber auch von der Hochfläche des Winterhauchs unterscheidet. Es darf als unsere Aufgabe angesehen werden, diesen einzigartigen Lebensraum auch für die, die nach uns kommen, zu schützen.

Bedeutung für Geo- und Kulturtourismus

Zu den geologischen und naturräumlichen Besonderheiten kommt noch ein weiterer Aspekt, der die Schlucht charakterisiert: Durch die Ansiedelung der geschichtsträchtigen Burganlage Schloss Zwingenberg bietet die Wolfschlucht auch kulturhistorisch eine besondere Attraktivität, ergänzend fokussiert von den alljährlichen Schlossfestspielen. Mit dem Schloss Zwingenberg wird Geschichte lebendig und atmosphärische "wilde Romantik" zum Programm.

Von besonderer Bedeutung ist fraglos auch das im Rahmen der Schlossfestspiele jährlich wiederkehrende „Freischütz“-Motiv, das längst – wenn auch historisch nicht einwandfrei nachweisbar – untrennbar an die Wolfschlucht gekoppelt ist. Carl Maria von Webers Oper mit ihren magischen Elementen macht die Schlucht zu einem sagenumwobenen Platz mit zauberhaftem Flair.

Weitere Informationen

Text / Copyright: Michael Hahl

Web: http://www.proreg.de